Aufbau der kleinsten Teile bei den Vorsokratikern
Die Frage nach den Grundbausteinen des stofflichen Seins im ägyptischen, vorderasiatischen und europäischen Raum ist bei den vorsokratischen Philosophen erstmals überliefert. Im indischen Raum wird von den fünf Elementen Erde, Wasser, Feuer, Luft und einem Weltraumelement berichtet. In China sind die Elemente Erde, Wasser, Feuer, Holz und Metall überliefert [Krätz 1990, S. 13 f].
Die jeweiligen Theorien wurden aus empirischen Anschauungen her entwickelt.
Aristoteles schreibt in Met. A3, 983b6: "Von den ersten Philosophen waren die meisten der Meinung, die Prinzipien stofflicher Art seien die einzigen Prinzipien aller Dinge; denn dasjenige, woraus jedwedes Seiende ursprünglich besteht, das woraus es als erstem entsteht und worein es als letztdem untergeht, wobei das Wesen fortbesteht und nur seine Eigenschaften wechselt, das - so sagen sie - ist ein Element und das ist ein Prinzip des Seienden (der existierenden Gegenstände); aus diesem Grund sind sie auch der Ansicht, dass es kein Werden und Vergehen schlechthin gebe, da eine derartige Natur ja stets erhalten bleibe... Es muss nämlich eine natürliche Substanz geben, entweder eine oder mehr als eine, woraus die anderen Dinge werden und zum Sein kommen, während sie selbst erhalten bleibt. Über die Menge und die Art des so beschaffenen Prinzips sagen freilich nicht alle dasselbe." [Kirk et. al. 2001, S. 98]
Bei den vorsokratischen Philosophen taucht der Elementbegriff meist in einer Kosmogenie, einer Schöpfungsgeschichte des Universums, auf. Die Frage nach den Urstoffen werden dabei durchaus unterschiedlich beantwortet [Haage 1996, S.21; Priesner / Figala 1998, S. 124f ]:
Übersicht Antike Naturphilosophen
| Hesiod | ca. 700 v. Chr. | Entstehung der Materie aus dem Chaos |
| Thales von Milet | ca. 625 - 545 v.Chr. | Elementenlehre, Urstoff: Wasser |
| Anaximander | ca. 610 - 550 v.Chr. | Elementenlehre, das Unbegrenzte (ápeiron) als Urprinzip |
| Anaximenes von Milet | ca. 575 - 525 v.Chr. | Elementenlehre, Urprinzip: Luft |
| Heraklit von Ephesus | ca. 536 - 470 v. Chr. | Elementenlehre, Urstoff: Feuer |
| Empedokles von Agrigent | ca. 500-430 v. Chr. | Zusammenfassung der Elementenlehre, Erde, Wasser, Feuer und Luft als Urstoffe |
| Leukipp von Milet | ca. 475 v.Chr. | Atomtheorie |
| Demokrit v. Abdera | ca. 460 - 370 v.Chr. | Atomtheorie |
Wasser als Urstoff
Der erste Naturphilosoph, Thales von Milet (ca. 624 - 546 v. Chr.) glaubte, dass Wasser das erste Element darstellt. Seine Annahme passt zum damaligen Weltbild, "nachdem die Erde als eine vom Ozean umgebene Insel angesehen wurde" [Schöndorfer 1954, S. 14]. Leider gibt es von Thales keine überlieferte schriftliche Quelle. Seine Kosmologie wurde von Aristoteles in zwei Textstellen zusammengefasst:
- Aristoteles de caelo, B13, 294a28
"Andere sagen, die Erde liege auf Wasser. Denn das ist die älteste Theorie, die uns überliefert ist; Thales von Milet soll sie vertreten haben, in der Annahme, dass die Erde dehalb ruhe, weil sie schwimmfähig sei, ähnlich wie ein Stück Holz oder etwas anderes von dieser Art (auch davon kann nämlich nichts auf Luft ruhen, wohl aber auf Wasser) - so als ob nicht dasselbe Argument wie für die Erde auch für das Wasser gelten würde, die die Erde trägt." [Kirk et. al. 2001, S. 98]
- Aristoteles Met. A3, 983b6:
"[...]Vielmehr erklärt Thales, der Urheber dieser Art von Philosophie, es sei das Wasser (daher behauptete er auch, die Erde ruhe auf Wasser), und kommt zu dieser Vermutung vielleicht, weil er sah, dass die Nahrung aller Dinge feucht ist und dass das Warme selbst aus dem Feuchten entsteht und durch es lebt (das aber, woraus alles wird, ist das Prinzip von allem); dadurch also kommt er zu seiner Vermutung und dadurch, dass die Samen aller Dinge von feuchter Natur sind; das Wasser aber ist für alles Feuchte das Prinzip seiner Natur" [ebd. S. 98].
Das Unbegrenzte
Anaximander von Milet (ca. 610 - 550 v. Chr.) verlässt die Seinsebene und beschreibt ein abstraktes, unbegrenztes Prinzip, welches nicht wahrnehmbar ist : "Der Ursprung dessen, was ist, ist das Apeiron. Woraus aber das, was ist, entsteht, darin vergeht es auch wieder mit Notwendigkeit, denn die Dinge leisten einander Buße und Vergeltung für ihr Unrecht nach der Ordnung der Zeit" [Diels 1922, S. 12].
Das Apeiron ist ewig und göttlich. Im Gegensatz dazu ist alles Seiende vergänglich: "...von Unbegrenztem aber gibt es keinen Anfang... . Vielmehr scheint dieses der Anfang von allem zu sein, alles zu umfassen und alles zu steuern, wie das all die sagen, die neben dem Unbegrenzten keine anderen Ursachen wie etwa den Geist oder die Liebe ansetzen. Ferner sei dieses das Göttliche, denn es ist unsterblich und unzerstörbar, wie Anaximander sagt und die meistern der alten Naturphilosophen" [Aristoteles Phys. G4, 203b7 zitiert nach Kirk et. al. 2001, S. 125f].
Luft als Urstoff
Anaximenes von Milet kehrt mit seiner Elementarlehre in den Bereich der Sinneserfahrung zurück. Abgeleitet aus der Beobachtung, dass Wolken in der Luft gebildet werden und aus ihnen Regen hervorgeht oder dass Wasser verdunstet, hält er Luft für den Urstoff:
Aristoteles Met. A3, 984a5: "Anaximenes und Diogenes dagegen setzen die Luft als dem Wasser vorgeordnet und als das eigentliche Prinzip der einfachen Köper an." [Kirk et. al. 2001, S. 159]
Wie können andere Elemente aus der Luft entstehen? Durch Verdünnung, bei der eine Erwärmung stattfindet sowie durch Verdichtung, die unter Abkühlung geschieht:
Theophrasta ap. Simplikion in Phys. 24,26: "Anaximenes [...] sagt [...], dass die zugrundeliegende Wesenheit nur eine sei und unbegrenzt, jedoch nicht unbestimmt, wie sein Lehrer annimmt, sondern bestimmt, und er erklärt sie für Luft; durch Dünne und Dichte differenziere sie sich in die Substanzen. Durch Verfeinerung entstehe nämlich Feuer, durch Verfestigung hingegen Wind, sodann Wolken, durch noch weitere Verfestigung Wasser, dann Erde, schließlich Steine; alle anderen Dinge entstünden aus diesen. Von der Bewegung nimmt auch er an, dass sie ewig sei; und durch sie komme es auch zur Veränderung." [ebd.]
Weiterhin ist Luft als Atem der Welt als göttlich anzusehen:
Hippolytos Ref. I, 7, 1: "Anaximenes ... sagte, unbegrenzte Luft sei das Prinzip, aus dem alles hervorgeht: was entsteht, was entstanden ist, was in Zukunft sein wird, Götter und göttliche Dinge; alles andere geht aus den Abkömmlingen der Luft hervor." [ebd.]
Feuer als Urstoff
Frgm. 30, Clemens Strom. V, 104, 2: "Die Weltordnung [...] [sei] ein ewiglebendes Feuer, dass nach Maßen entflammt und nach Maßen verlöscht" [ebd. S. 216].
Frgm. 90, Plutarch de E 8, 388e: "Alles ist austauschbar gegen Feuer und Feuer gegen alles, ebenso wie Waren gegen Gold sind und Gold gegen Waren" [ebd. S. 217].
Diese Zitate veranlassen einige Autoren anzunehmen, dass Heraklit der Auffassung war, dass Feuer das Grundelement sei. Liest man jedoch weiter, erkennt man, dass dies nicht der Fall sein kann:
Frgm. 31, Clemens Strom. V, 105, 3-5: "Die Welt ist ewig lebendiges Feuer. Teile davon werden immer gelöscht, um die beiden anderen Hauptmassen der Welt zu bilden, Meer und Erde. Veränderungen zwischen Feuer, Meer und Erde halten sich gegenseitig im Gleichgewicht. Reines oder ätherisches Feuer besitzt eine Fähigkeit zur Lenkung. Wendungen des Feuers: zuerst das Meer, vom Meer aber die eine Hälfte Erde, die andere Hälfte Gluthauch [d.i. Feuer] ... Erde löst sich auf in Meer und wird so bemessen, dass sich dasselbe Verhältnis wie das ergibt, welches galt, bevor Erde entstand." [ebd. S. 216f].
Feuer hat zwar eine dominante Stellung und dient als Motor für dauerhafte und kontinuierliche Veränderungsprozesse. Aber es steht mit anderen Kräften im Gleichgewicht und kann demnach nicht alleine existieren. Im Grunde genommen nimmt Heraklit an dieser Stelle Überlegungen zum chemischen Gleichgewicht und das Gesetz zur Erhaltung der Masse vorweg.
Die vier Wurzeln bei Empodekles
Aristoteles Met. A4, 985a31-3: "Ferner erklärte er als erster, die sogenannten materiellen Elemente seien vier von der Zahl." [Kirk et. al., S. 316]
Frgm.6, Aetius I,3,20: "Denn höre zuerst die vier Wurzelgebilde aller Dinge: hell scheinender Zeus; Leben spendende Hera; [unsichtbarer] Aidoneus und [fließende] Nestis, die mit ihren Tränen den sterblichen Quellstrom benetzt." [ebd. S. 316]
Frgm. 17, 15ff, Simplikios in Phys. 158, 13: "Das eine Mal nämlich wachsen sie [zusammen], um nur Eines allein aus Mehreren zu sein; das andere Mal entwickeln sie sich wieder auseinander, um Mehrere aus Einem zu sein, Feuer und Wasser und Erde und der Luft unermesslicher Höhe, ferner gesondert von ihnen mit gleichem Gewicht in jeder Richtung Streit, der verwünschte, und unter ihnen die Liebe, gleich an Länge und Breite." [ebd., S. 317f]
Frgm. 21, Simplikios in Phys. 159, 14:"Im Groll haben sie alle eine verschiedene Gestalt und sind entzweit; in Liebe indes kommen sie zusammen und sehnen sich nacheinander." [ebd., S. 324]
Empedokles beschreibt als erster eine Lehre mit vier Elementen. Sie werden zunächst als Götter eingeführt: Nestist kann klar Wasser zugeordnet werden. Theophrast verbindet Zeus mit Feuer, Hera mit Luft und Aidoneus mit Erde. Seine Elemente darf man nicht mit den in der Natur vorkommenden, wahrnehm- und erfahrbaren Erde, Wasser, Feuer und Luft gleichsetzen. Sie stellen vielmehr eine Abstrahierung als unsichtbare Grundstoffe dar, sind also gewissermaßen philosophische Elemente.
Ein Gegenstand besteht demnach aus den vier Elementen in unterschiedlicher Zusammensetzung. Die rein mechanische Vereinigung der Elemente erfolgt durch das Prinzip "Liebe", die Trennung verläuft über das Prinzip "Hass" bzw. "Streit". Empedokles nimmt an, dass die vier philosophischen Elemente aus nicht wahrnehmbaren, kleinen Teilen bestehen. Diese Korpuskel sind ihm zufolge zwar in einem gewissen Grad teilbar, lassen sich jedoch nicht ineinander umwandeln.
Frgm. 17, 33ff, Simplikios in Phys. 158, 14: "Jene sind nämlich alle gleich und der Herkunft nach gleichartig. Doch jedes von ihnen beherrscht einen anderen Machtbereich, jedes hat seinen eigenen Charakter, und abwechselnd üben sie im Kreislauf der Zeit die Vorherrschaft aus. Zudem gibt es nichts, was zu ihnen noch hinzu entstünde, und es geht auch nichts zugrunde. Wie könnte auch etwas völlig verschwinden, da doch nichts leer von ihnen ist? Denn wenn sie kontinuierlich vernichtet würden, wären sie nicht mehr. Und was könnte andererseits das All noch zusätzlich wachsen lassen? Und woher sollte es kommen? Nein, es sind eben sie, die sind. Doch indem sie durcheinander hindurch laufen, werden sie bald zu diesem, bald zu jenem und entstehen gleichwohl dauernd und immer als dieselben." [ebd., S. 320]
Die Elemente sind nicht auf ein Urelement zurückzuführen, sondern untereinander gleichberechtigt. Die Entstehung der Elemente aus dem Leeren wird von Empedokles abgelehnt, da es ihm nach keine Leere gibt. Die Elemente sind somit unveränderlich und unvergänglich.
Frgm. 21, Simplikios in Phys. 159, 13: "[...]die Sonne, warm anzusehen und hell überall; all die unsterblichen [Partikeln], die in Wärme und strahlendem Glanz getränkt werden; den Regen, in allen Dingen dunkel und kühl; und aus der Erde strömen Dinge hervor, die verwurzelt und fest sind." [ebd., S. 323f]
Die Eigenschaften oder auch Charakter der Elemente werden durch Vergleiche mit der Natur näher klassifiziert. Sonne (also Feuer) ist demnach weiß und warm, Regen (also Wasser) dunkel und kühl. Die Erde ist verwurzelt und fest und Partikel (vermutlich also Luft) erscheinen hell und warm. Eine systematischere Lösung liefert später Aristoteles.